BayGebDia
Bayerische Gebärdensprachdialekte
Lexika
Projekt
Team
- Gertud Mally
- Franziska Fehringer
- Jerry-Garfield Rausch
- Karin Eberhart
- Markus Beetz

Gebärdensammlung
Jede Region in Deutschland hat nicht nur ihre eigene Kultur, sondern auch ihre ganz eigenen Dialekte, Begriffe und Wörter.
So kann es passieren, dass typische Gerichte, Backwaren oder sogar Obst und Gemüse ganz unterschiedliche Namen haben – je nachdem, wo man sich gerade befindet.
Beispiel:
In Norddeutschland sagt man „Brötchen“.
In Bayern heißt das gleiche Gebäck: „Semmel“.
Und dieser Unterschied zeigt sich nicht nur in der Lautsprache – sondern auch in der Gebärdensprache.
Auch uns ist oft aufgefallen: Wenn Gebärdensprachdolmetschende oder zugezogene „Nichteinheimische“ in Bayern Begriffe verwenden, werden sie nicht immer verstanden – weil die bayerische Gebärdenvariante unbekannt ist oder fehlt.
Wir haben auch festgestellt, dass viele regionale Gebärden aus Bayern nicht beachtet wurden oder bereits verschwunden sind.
Orte, Bezirke, Namen oder idiomatische Begriffe fehlen oft – oder sie werden durch andere, überregionale Varianten ersetzt.
Deshalb haben wir das Projekt BayGebDia gestartet: Um diese sprachliche Vielfalt zu bewahren, sichtbar zu machen – und der bayerischen Gebärdensprachgemeinschaft wieder näherzubringen.
Unser Ziel ist es, die kulturelle Identität der tauben Gemeinschaft zu stärken und zur aktiven Sprachpflege zu ermutigen:
Taube Menschen sollen ihre angestammten Dialekte selbstbewusst nutzen, weitergeben und leben.
Dazu haben wir – das Redaktionsteam mit Markus Beetz und Karin Eberhart – über viele Monate hinweg bayerische Städte besucht:
München, Straubing, Nürnberg, Augsburg, Bamberg, Bayreuth, Ursberg, Hohenwart, Zell, Dillingen, Würzburg.
Vor allem einheimische, taube Personen waren uns wichtig: Menschen, die die alten so genannten „Taubstummenanstalten“ besucht haben – oder in tauben Familien mit eigener Dialektprägung aufgewachsen sind.
So entstand eine Sammlung von über 2.000 regionalen Gebärden, die wir in kurzen Videos dokumentiert und auf dieser Website veröffentlicht haben.
Diese Aufnahmen sind mehr als nur ein Gebärden-Lexikon:
Sie sind ein Stück Sprachgeschichte.
Wissenswert
Woher kommen die vielen Dialekte – und warum gibt es sie überhaupt?
Die Geschichte der bayerischen Gebärdendialekte beginnt vor über 200 Jahren.
Schon 1794 wurde in München der erste Gehörlosenunterricht eingeführt – durch einen geflüchteten Mönch namens Bartelemy de Boullien aus Paris, der französische Gebärden mitbrachte.
Nur drei Jahre später verschwand er – aber die ersten Einflüsse waren gesetzt.
Wenig später reiste der Priester Bernhard von Ernsdorfer nach Wien, um sich in der dortigen Gehörlosenschule weiterzubilden. Mit ihm kam die „Wiener Methode“ nach Bayern – samt neuer Gebärden und dem Fingeralphabet.
Viele dieser Gebärden verbreiteten sich, weil Lehrkräfte sie im Unterricht mit Gehörlosen einsetzten – in ganz Bayern, bis zum Mailänder Beschluss 1880.
Doch die wahre Gebärdensprachentwicklung fand woanders statt:
Auf den Pausenhöfen. In den Heimen. Und in den Vereinen.
Denn: Gebärdensprache war im Unterricht nach dem Mailänder Beschluss (1880) lange verboten – oder wurde sogar bestraft.
Die Heimschüler nutzten sie trotzdem – heimlich!
So entstanden eigene Gebärden für Orte, Begriffe oder Namen. Viele dieser Dialekte wurden logischerweise nur „von Hand zu Hand“ – weitergegeben.
Später trafen sich junge Gehörlose in Internaten, Berufsbildungswerken oder Sportvereinen. Dort lernten sie neue Dialekte kennen – und passten ihre Gebärden an.
Ein typischer Satz, der zeigt, wie wichtig dieser Austausch war:
„Du – Schule wo?“
Diese Frage zeigt ganz klar:
Die Schule, die du besucht hast, sagt viel über deine Gebärden aus.
Wie verändert sich die Gebärdensprache heute?
Seit den 1970er-Jahren und durch bessere Verkehrsanbindung begegnen sich mehr Gehörlose aus unterschiedlichen Regionen.
So wurden viele regionale Eigenheiten seltener – oder verschwanden ganz.
Und heute?
Durch das Internet breiten sich internationale Gebärden und Einflüsse aus der American Sign Language (ASL) stark aus.
Vor allem in Social Media.
Die Vielfalt der bayerischen Dialekte ist dadurch stärker gefährdet als je zuvor.
Warum BayGebDia so wichtig ist?
Mit BayGebDia wollen wir die originalen Gebärden aus Bayern bewahren – bevor sie verloren gehen.
Denn sie sind nicht nur Sprache. Sie sind Geschichte, Identität – und Heimat.
Für wen ist das Projekt?
BayGebDia richtet sich an:
- Gebärdensprachnutzende
- Dolmetschenden
- Dozierende
- Lehrende und Erziehende
Mach mit!
Du bist taub und/oder mit bayerischer Gebärdensprache aufgewachsen – und dir fehlt hier eine Gebärde aus deinem Dialekt?
Dann melde dich bei uns - und zeig sie uns direkt in einem Video, das du ganz einfach über unser Kontaktformular hochladen kannst.
So bekommt auch deine Gebärde hier ihren Platz.
"Aww. Die Gebärde "Nudel" habe ich vermisst."
"Sehr interessant!"
"TOLL gebärdenerklärt"
Danksagung
Danksagung
Wir danken allen, die dieses Projekt möglich gemacht haben.
Ein besonderer Dank gilt der Aktion Mensch, die das Projekt „Bayerische Gebärdendialekte“ von Januar 2021 bis Dezember 2026 fördert und begleitet.
Wir danken auch unseren wertvollen Unterstützer:innen und Partner:innen:
Ilona Hofmann (DGS-Korpus)
Prof. Sabine Fries (Hochschule Landshut)
Landesverband der Gebärdensprachlehrer:innen Bayern e.V.
Gertrud Mally
Franziska Fehringer
Jerry-Garfield Rausch
Filmstudio yomma
Mit ihrer Hilfe konnten wir eine digitale Plattform mit offenem Zugang aufbauen – ein Gebärden-Wörterbuch mit Videos, Erklärungen und Herkunftshinweisen.
Diese Sammlung soll nicht nur Freude machen – sondern zur Erweiterung und Erhaltung des Gebärdenschatzes in Bayern beitragen.
Danke für euer Vertrauen, eure Zeit und eure Unterstützung.
Dieses Projekt ist für euch – und durch euch entstanden.

